• Verena Ofarim

Die Befreiung der Lilith

Aktualisiert: 2. Aug 2020

"Here's to Strong Women, May We Know Them, May We Be Them, May We Raise Them"


Sie war vor Eva da und lebt seither im Untergrund: Lilith, die freie Frau mit ungezähmter weiblicher Kraft. Symbolfigur für Freiheit und Gleichberechtigung der Frau. Im Garten Eden gab es schon vor Eva ein weibliches Wesen. Lilith, Adams erste Frau. Der Legende nach hatte Gott Lilith und Adam aus Lehm erschaffen und ihnen den Lebensatem eingeblasen.

Lilith war Adam völlig ebenbürtig und gleichberechtigt. Als freies Wesen war ihr Unterordnung fremd. Sie trat stolz und selbstbewusst auf und weigerte sich, Adam zu dienen. Eines Tages wandte sie sich gegen Adam, weil dieser von ihr verlangte, dass sie sich ihm unterordne, und verließ das Paradies. Sie hob vom Boden ab und flog bis zum roten Meer. Wenn wir sie unterdrücken, vergiftet sie unsere Beziehungen und unseren authentischen Lebensweg. Wenn wir lernen, ihr achtsam einen Platz zu gewähren, wird sie sich in eine kraftvolle Energie und innere Weisheit verwandeln, die Frauen und Männer gleichermassen beglückt und intime Beziehungen mit dauerhafter Frische und Klarheit bereichert. Siehe hierzu auch meinen Blog-Beitrag zur Kundalini Energie.

Eva ist in der jüdischen mythischen Tradition, der Midrash und der Kabbala, nicht die erste Frau, die erschaffen wurde. Sie war die zweite Frau, die erst erschaffen wurde, als die erste – Lilith – nach einem Streit mit Adam aus dem Garten Eden floh. In der esoterischen Szene wird Lilith als Schöpferin der Welt betrachtet, da sich diese Figur von der sumerischen Göttin Inanna herleitet und so die ursprünglich weibliche Schöpfungsmacht darstellt. Eva und Lilith haben sehr unterschiedliche Naturen: Eva ist die Familienfrau und Mutter. Ihre Liebe besteht darin, Kinder zur Welt zu bringen, sie zu erziehen und für sie zu sorgen. Sie akzeptiert die soziale Hierarchie, in der das Männliche die Gesellschaft dominiert, und sie übernimmt eine Funktion in diesem System. Damit ermöglicht sie die finanzielle, soziale, sexuelle und intellektuelle Überlegenheit des Männlichen und stützt so die bestehende gesellschaftliche Ordnung. Lilith dagegen lehnt sich gegen diese Ordnung auf. Sie ist nicht bereit, die männliche Überlegenheit zu akzeptieren, weder am Arbeitsplatz, noch in der Gesellschaft, in der Wissenschaft oder in sexuellen Beziehungen. Sie verlangt Freiheit für sich selbst, und sie ist bereit, den Preis dafür zu bezahlen, auch wenn er hoch ist.

In den ersten Jahrhunderten nach Christus tauchte Lilith auch in den biblischen Schöpfungsgeschichten auf. Dabei wurden der Legende schaurige Details hinzugefügt, um Lilith, die so überhaupt nicht ins patriarchalische System passte, in einem möglichst schlechten Licht darzustellen. So wurde geschildert, dass Lilith eine Beziehung mit dem Dämon Djinn eingegangen war, in der sie dämonische Kinder zeugten. Die Details wurden mit der Zeit immer blutrünstiger, bis Lilith schließlich mit der Schlange im Paradies gleichgesetzt wurde, die Eva dazu verführte, vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Lilith wurde von den patriarchalisch ausgerichteten Glaubensgemeinschaften als verteufeltes Weib hingestellt. Eine verruchte Verführerin, Gottesgegnerin und Hexe, die die Männer vom rechten Weg abbringt. Denn selbstbewusste und unabhängige Frauen waren den Kirchen ein Dorn im Auge. Deshalb wurden bis zum 15. Jahrhundert alle Hinweise auf Lilith systematisch aus der Bibel getilgt und Lilith totgeschwiegen. Ähnliche Geschichten, Verleumdungen und Anfeindungen dieser Art erleben wir im 21. Jahrhundert leider auch noch. Die "Me too" Kampagne ist ein öffentliches Beispiel dafür. Auch ich kann hier aus eigener Erfahrung sprechen.

Ein viel thematisiertes medizinisches Mysterium im 19. Jahrhundert war die sogenannte "weibliche Hysterie". Seltsames hysterisches Verhalten führte man auf eine Erkrankung zurück, die von der Gebärmutter ausgeht und die Frauen zum "Verrücktwerden" zwang. Sigmund Freud nannte die Hysterie die "Krankheit des Gegenwillens". Unter großem Interesse der Öffentlichkeit wurden seit den 1870er Jahren tausende Hysterikerinnen in die neu entstandenen Nervenheilanstalten und Krankenhäuser Europas eingewiesen. Meist wurden den Frauen um sie ruhig zu stellen einfach kurzerhand die Gebärmutter entfernt. Hysterie wurde zur Frauenkrankheit schlechthin. Organische Ursachen für die Anfälle der Frauen fand man allerdings keine. Die meist männlichen Ärzte schlussfolgerten: alles nur Übertreibung und Simulation. Man erkannte in der Hysterie nur einen weiteren Beleg für die Neigung der Frau zu Wankelmütigkeit und Unglaubwürdigkeit: "Die Hysterie ist eine organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes", schrieb der Philosoph Otto Weininger noch im Jahr 1903. Es ist bemerkenswert, welche Maßnahmen man ergriff, um die Frauen genau dort festzuhalten. Sie wurden kurzerhand für geistig unmündig befunden und so - unter dem Vorwand der Moral - in Zucht und Ordnung gehalten. "Die ganze Erziehung der Frau muss daher auf die Männer Bezug nehmen. Ihnen gefallen und nützlich sein, (. . .) das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau", glaubte bereits Rousseau zu wissen. (Artikel Süddeutsche Zeitung)

Wir sollten allerdings nicht dem Irrtum erliegen, in Lilith einfach eine Feministin zu sehen. Der Feminismus hat die Weiblichkeit der Frauen neutralisiert, um sie den Männern anzugleichen (siehe auch Tovi Browning: Femophobia – How Women Have Become Men). Lilith aber ist eine spezifisch weibliche Energie, die keine Angst hat vor ihrer femininen Kraft hat und ihre überschäumende Weiblichkeit nicht ablehnt. An mehreren Stellen in den kabbalistischen Texten wird hervorgehoben, dass jede Frau beide Aspekte in sich hat: eine Eva und eine Lilith. Unsere Gesellschaft funktioniert allerdings so, dass sie nicht in der Lage ist, mit Frauen umzugehen, die beide Aspekte leben. Daher müssen die Frauen zwischen der Rolle der Eva oder der Lilith wählen. Diese Spaltung bringt den Frauen und ihren Gefährten unsägliches Leid. Auf den Ideen der Zohar, dem wichtigsten Quellenwerk der Kabbala, entwickelte Rabbi Itzak Luria (16. Jh.), bis heute die massgebende kabbalistische Autorität, ein Bild, das Lilith als sublimen spirituellen Aspekt der Weiblichkeit darstellt, der über dem von Eva steht. Gemäss Itzak Luria ist das Ideal, die beiden Aspekte in ein einziges weibliches Bild zu integrieren, das angstfrei sowohl Eva wie Lilith sein kann. Damit dies geschehen kann, müssen Frauen in einer inneren Transformation mit der Kraft der Lilith Frieden schliessen, einer Energie, die sie seit langer Zeit unterdrücken und vergessen mussten, um von der Gesellschaft akzeptiert überleben zu können. Für die Funktionsweise einer Gesellschaft sind aber beide Geschlechter verantwortlich. Deshalb müssen sich auch die Männer transformieren, damit Lilith wieder atmen und mitten unter uns leben kann. Die zwei Polare, Yin und Yang, müssen ausgeglichen und vereint werden.

Der Prozess der Heilung. Um Liliths Energie erfassen zu können, müssen Männer wie Frauen intensive spirituelle Arbeit leisten.

Wenn man sie versucht zu kontrollieren, wird sie rebellieren. Und wenn man versucht, die Kontrolle aufzugeben, indem man zum Waschlappen wird, haut sie einem sofort den Kopf ab. Lilith kann dem Mann eine grossartige spirituelle Lehrerin werden und ihn in einem Zustand der Klarheit, Stärke und kompromisslosen Achtsamkeit halten. Sie wird ihm nicht erlauben einzuschlafen. Sie braucht einen Mann auf hohem Niveau. Männer mit bescheidener Persönlichkeit sind nicht in der Lage, sie zu halten. Und was müssen die Frauen unternehmen? Sie müssen nur zulassen, dass Lilith aus ihrem Inneren hervortritt, dass die wilde Frau in ihnen hervorkommt und mit dem Leben ringt. Der "neue bewusste Mann" muss wahrhaftig sein und zu sich und seinen authentischen Lebensweg stehen.


"Little girls with dreams, become woman with vision."

Veit Lindau beschreibt diesen Prozess, wenn Frau und Mann gemeinsam erwachen, in seinen Buch "Königin und Samurai" und in seinem Seminar "Die Rückkehr der Göttin" sehr treffend. Dieses Buch ist ein Plädoyer für ein neues Level in der Kunst des Liebens. Veit und Andrea Lindau hinterfragen den Mythos der Liebe und zeigen Wege, wie beide Geschlechter aufwachen und in die Kraft kommen können. Es ist möglich, als starke Frau eine Ur-Weiblichkeit zu leben, ohne sich unterzuordnen. Eine Königin führt, anstatt zu manipulieren. Wenn der Mann seine ureigene Mission entdeckt und ihr integer wie ein Samurai folgt, entwickelt er ein neues Standing für sich selbst und der Frau gegenüber. Indem beide zu einem neuen Selbstverständnis finden, können sie sich – wie Königin und Samurai – auf Augenhöhe begegnen. Sie erkennen sich als Mann und Frau und beginnen einander in ihrer Entwicklung zu dienen.

Die Energie der Lilith mag aus einem Seelen- Keller voller Wut kommen. Das ist in Ordnung. Aber es wäre falsch, Lilith deswegen als bitteres oder wütendes Geschöpf zu betrachten. Nach Tausenden von Jahren der Unterdrückung ist diese Wut verständlich. Aber sie verschwindet, wenn wir ihr unsere Liebe zeigen. Wenn eine Frau ihre innere Lilith anerkennt, beginnt ein Prozess der Neueinschätzung des eigenen Lebens, ein langsames Nachlassen der Schuld und des Selbstmitleids und sie wird fähig, die Kraft ihrer inneren Lilith zu ernten und ans Licht zu bringen. Dann kann ihre Liebe nur wachsen. Dann kann sie eine klare und kompromisslose Liebe verbreiten, die so erfrischend wie leidenschaftlich ist.

Eckart Tolle spricht in diesen Zusammenhang oft von einem soggenanten "Schmerzkörper". Der Schmerzkörper ist eine prägnante und, wie ich finde, sehr hilfreiche Wortschöpfungvon Eckhart Tolle. Mit Schmerzkörper ist bei ihm die Summe des Leidens gemeint, das wir im Lauf unseres Lebens ansammeln. Dieser besteht aus unseren gewohnten, ständig wiederholten Reaktionen auf dieses Leiden. Der Schmerzkörper ist nicht nur eine Idee, sondern eine neurobiologische Tatsache. Man kann ihn messen und beobachten, z.B. durch bildgebende Verfahren, die sichtbar machen, dass bei bestimmten Reaktionen auch bestimmten Areale im Gehirn aktiv sind. Eine Traumatisierung z.B. hinterlässt ihre Spuren im Gehirn. Die Stimmen in unserem Kopf führen ein Eigenleben. Meistens fühlen wir uns diesen Stimmen ausgeliefert, das heißt, das, was wir denken oder fühlen, füllt uns ganz aus, es besitzt uns. Es braucht nur einen bestimmten Anlass und sofort reagieren wir so, wie wir es gewohnt sind und wie unser Schmerzkörper schon immer darauf reagiert hat. Auf diese Weise nähren wir den Schmerzkörper immer wieder. Beispiel: wir waren in der Kindheit nicht ausreichend umsorgt und fühlten uns verlassen. Fortan wird jede Erfahrung von Verlassenheit diese frühe und prägende Erinnerung erneuern und bestätigen. Wir reagieren auf einen gefühlten Entzug von Zuwendung sehr heftig und interpretieren das nicht nur aus der aktuellen Situation heraus, sondern wir haben die ganze Geschichte unserer Verlassenheit auf einmal in der gegenwärtigen Erfahrung. Das geschieht meistens unbewusst. Wir deuten unser Erleben mit Hilfe des Schmerzkörpers und geben ihm auf diese Weise wieder Nahrung und bekräftigen seinen Schmerz. Ja, ich habe es doch gewusst: ich bin einsam und verlassen, sagen wir dann möglicherweise, und das hat mehr mit den Erinnerungen des Schmerzkörpers zu tun als mit der aktuellen Situation. Den Schmerzkörper erkennen und fühlen: Der erste Schritt ist, sich bewusst zu werden, dass ich einen Schmerzkörper habe. Und das zweite, noch viel Wichtigere ist, dass ich präsent und wach genug bin, um den Schmerzkörper zu fühlen und wahrzunehmen und mir dessen bewusst zu sein, dass er da ist und mich beeinflusst. Und das immer dann, wenn er sich regt. Also nicht allgemein, sondern konkret: jetzt gerade geht es wieder los, dass ich eine Erfahrung durch den Schmerzkörper hindurch wahrnehme und deute. Die bewusste Gegenwärtigkeit durchbricht den Schmerzkörper und löst ihn auf. Die Meditation kann uns helfen diesen Schmerzkörper zu erkennen, achtsam anzunehmen und dann aufzulösen und zu heilen. Annahme - liebevolle Akzeptanz und Umarmung dieses Schmerz/Emotion - Auflösung und Befreiung, Heilung. Siehe hierzu meinen Blog-Beitrag über Achtsamkeit im Alltag.

Einige Frauen, die schon bewusst genug sind, ihre Opfer-Identität auf der persönlichen Ebene loszulassen, sind doch auf der kollektiven Ebene noch darin gefangen: “Was die Männer den Frauen angetan haben.”

Sie haben Recht – und zugleich auch nicht. Sie haben Recht, wenn es darum geht, dass der kollektive weibliche Schmerzkörper aufgrund männlicher Gewalttätigkeit gegenüber Frauen und aufgrund der Jahrtausende währenden Unterdrückung des weiblichen Prinzips auf diesem Planeten entstanden ist.

Sie sind im Unrecht, wenn sie aus dieser Tatsache ein Gefühl von Identität beziehen und dadurch in einer kollektiven Opfermentalität gefangen bleiben. Wenn eine Frau immer noch an Wut, Groll oder Verurteilung festhält, dann hält sie damit an ihrem Schmerzkörper fest. Sie mag dabei ein tröstliches Gefühl von Identität, von Solidarität mit anderen Frauen erfahren, aber sie bleibt dadurch auch an die Vergangenheit gebunden. Es verstellt ihr den freien Zugang zu ihrer Essenz und ihrer wahren Kraft. ~ Eckhart Tolle

Die geheilte Lilith als Segen für die Welt. Eine Frau, die ihre innere Lilith wiederbelebt und mit ihrer Eva integriert, wird zu einem grossen Segen für die Welt. Sie wird zu einer Quelle von Inspiration, Licht und kraftvoller Liebe. Liliths Liebe erscheint nicht nur in lieblichen Pastelltönen. Die dunklen Farben des Lebens – schwarz oder dunkelrot zum Beispiel – erfüllen sich durch sie mit Kraft und Schönheit. Männer, die eine geheilte Lilith halten können, sind selten. Aber wenn ein solcher Mann erscheint, können viele Frauen in seiner Gegenwart ihre Ganzheit enthüllen, und die Wiederbelebung wächst.

Buch Tipps:

Veit Lindau: Königin und Samurai: Wenn Frau und Mann erwachen


Rebekka Reinhard: Kleine Philosophie der Macht, nur für Frauen.


Akal Pritam: Self Love, eine Entdeckungsreise zu Spiritualität und Selbstliebe

Clarissa Pinkola Estés: Die Wolfsfrau - Die Kraft der weiblichen Urinstinkte

Eckart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart

Yossef Cohen Touval: Kabbalah: Die innersten Gesetze des Universums erkennen, beherrschen, nutzen


Karten: Göttinnengeflüster: Mit Orakel und Ritualen zur eigenen Kraft von Amy Sophia Marashinsky


Karten: Orakel der Göttinnen von Doreen Virtue

Antonia Langsdorf: Lilith: Die Weisheit der ungezähmten Frau

Heide-Marie Heimhard: Sacred Woman: Die Erweckung der weiblichen Urkraft -

Ein Einweihungsweg in die Mysterien des Schoßraums

Sonia Emilia Rainbow: Frauenheilkraft: Das vergessene Wissen um die Urkraft der

Gebärmutter. Mit Tipps zur Selbstheilung häufiger Frauenbeschwerden



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